Handball-Torwart – verrückt oder was?

Torhüterin in Aktion Fotograf: Tobias Baur - tb-photografie.de

"Wer freiwillig Torwart beim Handball wird, ist bescheuert“. Das ist zumindest die Meinung vieler Feldspieler und Handballfans.

Wer stellt sich schon freiwillig wie eine Schießbudenfigur ins Tor und wirft sich einem durchaus hart geworfenen Ball in den Weg? Immerhin kann ein Ball im Spitzenhandball eine Geschwindigkeit von über 100 km/h = ca. 30 m/s erreichen. Der Torhüter hat hier gerade mal 0,1 Sekunden Zeit zum Reagieren. Dies kann zu unzähligen Kopft- und Körpertreffer und verstauchte Fingern führen, ganz abgesehen von den üblichen Sportverletzungen. Zweifellos hat der Torwart beim Handball ein großes Verletzungsrisiko.

Der Torwart ist ein Bestandteil der Abwehr. Wenn der Ball einmal an der Abwehr vorbeigeht steht noch jemand im Tor, der den Patzer der Abwehr beziehungsweise den Trick des Angreifers ausgleichen und somit das Tor in letzter Instanz verhindert kann. Manchmal kommt auch die Situation eines 7-Meters. Die Chance, dass die Person im Tor den 7-Meter hält, ist sehr unwahrscheinlich. Bei Erfolg des Torwartes fühlt sich das an wie ein 6er im Lotto. Das Glücksgefühl, das die Person im Tor beim gehaltenden 7-Meter fühlt, lindert jeden Schmerz, den so ein Ball verursachen kann. Vielleicht ist gerade dieses Glücksgefühl der Grund dafür, warum der Torhüter mit einem Grinsen im Gesicht den Kopf in die Wurfbahn des Balles wirft.

Aber wie kommt man eigentlich dazu sich ins Tor zu stellen? Eine Person ins Tor zu stellen, die nicht möchte, bringt mehr Verlust als Gewinn für die Mannschaft. Leider wird in den älteren Jugendmannschaften oftmals der Einfachkeit halber der/die Neue ins Tor gestellt. Das wichtigste bei der Torwartwahl ist es jedoch, eine Person zu finden, die keine Angst vor Bällen hat: ganz gleich woher sie kommen, wohin sie geworfen werden, wie schnell sie geworfen wurden und egal von wem sie geworfen werden. Wer von Jugend an Handball spielt, wird sowohl auf dem Feld als auch im Tor trainiert. In der E-Jugend gibt es zum Beispiel noch keine festen Positionen. Hier kann man dann schon erkennen, wer das Talent hat, später einmal im Tor zu stehen.

Folgende Fähigkeiten sollte ein potentieller Torwart mitbringen:
- gute Reaktionen
- Schnelligkeit
- keine Angst vor dem Ball
- Übersicht über das Spiel und die Abwehr
- Selbstbewusstsein, um der Abwehr zu sagen, was getan werden muss
- Koordination
- Körperspannung
- Fitness

Jetzt heißt es, dem Torhüter ein entsprechendes Training zur Förderung zu geben. Leider wird das Torwart-Training oft vernachlässigt. Trainer sind meist selbst Feldspieler und haben somit nur die Grundkenntnisse über Torhüter und das spezielle Training dazu. Nicht selten wird der Torhüter im Training zwar ins Tor gestellt, aber dann nicht weiter beachtet. Selten ist es wichtig, ob sie die Bälle hält oder nicht. Das wirkt sich doppent schlecht auf die Motivation aus. Zum einem ist es für Torhüter unmotivierend kein spezielles Training zu erhalten. Zum anderem verbessern die Torhüter ihre eigene Leistung nicht. Somit ist es schwer aus der ungeförderten Position die gewünschte Leistung im Spiel zu bringen. Für Torwärte ist es daher wichtig neben dem Spielen auch im Training wichtig genommen zu werden. Denn jeder Person im Team sollte die Möglichkeit gegeben werden sich in Ruhe durch das Training zu verbessern und dort Tipps zu bekommen. Hierfür kann man einen Torwarttrainer hinzu ziehen oder sich als Trainer einige Extraübungen für Torhüter suchen. Es gibt heutzutage dank Internet genügend Portale, wo man gute Übungen für jede Position - auch für den Torwart - finden kann. Teilweise lassen sich Torwartübungen gut mit Übungen für die Feldspieler verbinden. Wenn dies nicht der Fall ist, sollte entweder der Co-Trainer das Torwart-Training übernehmen, oder man erklärt den Torhütern und den Feldspielern jeweils, was zu tun ist und leitet abwechselnd beide Gruppen an. Dadurch kann einen hoher Trainingserfolg erzielt werden.

Nicht selten wird das Torwartsein als nicht anstrengend gesehen oder nicht als Teil des Handballspielens gesehen. Die Person steht ja nur im Tor. Leider wird oft unterschätzt, welche Konzentration und Aufmerksamkeit ein Torwart haben muss: sowohl in der Abwehr, aber auch wenn die Mannschaft im Angriff ist. Denn es könnte jederzeit ein Gegenspieler den Ball erobern und allein mit einem Tempogegenstoß auf eigene Tor gerannt kommen. Auch die vielen Kurzsprints, die ein Torwart machen muss, um nach einem unerfolgreichen oder erfolgreichen Torwurf des Gegners den Ball schnell wieder an die Manschaft zu passen, sind nicht zu unterschätzen. Wer schon einmal im Tor stand, weiß, dass Torwart eben keine Position zum Ausruhen ist.

Wie ist ein guter Torhüter definiert?
Grundsätzlich werden wenig Torwürfe von Torhütern gehalten. Hält ein Torwart 25% der geworfenenden Torwürfen, spricht man bereits von einem sehr guten Torwart. Eine Quote von über 50% in 30 Minuten ist im aktiven Bereich äußerst selten. Dies sollte sowohl dem Team als auch den Zuschauern bewusst sein. Denn leider wird die Schuld bei einem verlorenen Spiel oft bei den Torhütern gesucht, da der Torwart zuviele Gegentore in das Tor gelassen hat. Ein Spiel gewinnt oder verliert man nicht wegen des Torhüters, der Abwehr oder dem Angriff: Ein Spiel wird gemeinsam als Team zusammen gewonnen oder zusammen verloren.