Urlaub nehmen, um zu lernen

So der Plan, als ich mich entschloss die Weiterbildung zum geprüften Wirtschaftsfachwirt IHK zu machen. Völlig überraschend bekam ich aus Regensburg die Zusage für den Kurs, obwohl ich nicht alle Anforderungen erfüllen konnte. „Das ist bei der IHK in Regensburg nicht so wild“ so die Aussage der Eckert Schulen, bei denen ich die Weiterbildung absolvieren wollte und jetzt auch durfte.

Es war Anfang November, als ich mich nach vielen Gesprächen dazu entschloss die Weiterbildung in Regensburg zu machen, die bereits im Dezember beginnen sollte. Von meinem Chef bekam ich für die Zeit des Kurses unbezahlten Urlaub. Nun hatte ich knapp vier Wochen Zeit um alles vorzubereiten. Es gibt ein Wohnhaus direkt bei der Schule. Leider waren dort alle Zimmer bereits vermietet. So machte ich mich auf die aussichtslose Suche nach einem günstigen Zimmer in Regensburg. Nach zwei Tagen vergeblichen Suchens, meldete sich das Wohnheim mit der Nachricht, dass kurzfristig ein Zimmer freigeworden war, wo ich ab Dezember ein einziehen durfte. So packte ich meine sieben Sachen und fuhr mit meinem Auto nach Regensburg. Da ich sonntags anreiste, konnte ich den Schlüssel in der Pizzeria nebenan abholen. Ich bezog mein Zimmer, richtete mich ein. Und da saß ich: ganz allein in meinen 17m². Schon jetzt fehlte mir der Trubel, den ich von zu Hause gewohnt war. Ich aß noch kurz zu Abend, dann legte ich mich voll Spannung auf den „ersten Schultag“ ins Bett.

Der erste Tag. Im Klassenzimmer war noch niemand. Da an den Plätzen stehen Namensschilder, machte ich mich auf die Suche nach meinem Platz. Letzte Reihe - neben lauter Jungs. Die Begrüßungstasche - die für Jungs. Als ich dann die Einladung zur Prüfung an "Herrn" bekam, wurde mir klar, warum ich in der "Jungsreihe" saß. Worüber ich mich im Nachhinein nicht beklagen kann, da ich die Zeit mit meinem Niederbayer und Oberpfälzer sehr genossen habe.

Nachdem uns viel erzählt wurde, durften wir bereits nach zwei Stunden wieder gehen. Den verbleibenden Tag nutze ich um mir Internet zu organisieren und die Umgebung zu erkunden. Der Internetanschluss dauerte allerdings ein paar Tage, bis er funktioniert. So musste ich die ersten Tage ohne Internet verbringen – was soll ich dazu sagen? Man überlebt es überraschender Weise tatsächlich!

Um die Abende zu gestalten und in Form zu bleiben, suchte ich einen Handballverein. Bei den Frauen 2 der SG Regensburg durfte ich dann die Zeit über trainieren. Ich freute mich sehr, als sie mich fragten, ob ich nicht zu ihnen wechseln möchte. Das erlauben aber die Entfernung, meine Stammmannschaft hier und die Arbeit nicht. Deshalb beschlossen wir, in Kontakt zu bleiben und ab und zu auf ein Turnier zusammen zu fahren.

Zusammen mit Klassenkameraden, die auch im Wohnheim wohnten, entdeckten wir unser gemeinsames Hobby – das Kochen. So traffen wir uns ab und zu um gemeinsam zu kochen, zu essen und ja, auch um vor den Prüfungen zu lernen.

Etwas schwer tat ich mir ab und zu mit manchen bayrischen Worten. Aber meinen Kollegen aus Bayern ging es nicht anders mit mir. Wir sahen es mit Humor und lachten gegenseitig über den anderen Dialekt. Besonders toll fanden sie meine „sch´s“, die ich in alle Wörter einbrachte. „Wir werden deine „sch´s“ vermissen“ so ein Klassenkamerad am Ende der Weiterbildung.

Die Zeit verging wie im Flug: kaum hatten wir uns kennengelernt, schon standen die Prüfungen vor der Tür. Am 7. März 2013 hieß es, alles Wissen über VWL/BWL, Rechnungswesen, Recht/Steuern und Unternehmensführung auf die Prüfungsbögen zu schreiben.
Nach diesem Marathonprüfungstag hatten wir uns eigentlich eine Lernpause verdient. Von wegen, es ging gleich weiter und schon standen auch die Abschlussprüfungen am 18./19. April vor der Tür. Hier wurden die Fächer "Betriebliches Management", "Marketing/Vertrieb", "Fürnung/Zusammenarbeit", "Logistik und Controlling/Investition/Finanzierung in Situationsaufgaben" abgefragt. Vier Stunden schrieben wir das auf, was noch in den Köpfen noch dazu geblieben ist. Und dann war sie auch schon vorbei, die schöne Zeit in Regensburg: mit tollen Leuten, gutem Essen und natürlich vielen neuen Informationen. Diese Informationen heißt es jetzt in den Arbeitsalltag mitzunehmen und umzusetzen.

Was darf nicht fehlen, wenn man fast 5 Monate seines Lebens in Bayern wohnt? Richtig: ein Dirndl muss her. Bevor ich zurück nach Hause ging, besuchte ich noch ein Dirndlgeschäft und kaufte mir eines. Neben dem Dialekt, den ich etwas kennenlernen durfte, sehe ich jetzt also auch aus wie eine echte Bayerin. Jedoch hatte ich, typisch für eine echte Schwäbin, den passenden Moment gefunden um mir ein Dirndl zu kaufen. Es war die Zeit, in der Dirndls besonders günstig sind. Also hatte ich als vorzeitiges Abschiedsgeschenk aus Bayern nochmals 20% beim Kauf des Dirndls gespart.

In der Woche nach den Prüfungen fuhr ich noch einmal nach Regensburg um mein Zimmer leer zu räumen und zu putzen. Unter dem strengen Blick der Vermieterin und einer Putzfrau wurde meine Arbeit kontrolliert und für gut empfunden. So gab ich meinen Schlüssel ab und verließ Regensburg mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Der Alltagsstress kehrte schnell zurück. Arbeiten, Trainieren, Singen. Knapp ein Jahr später ist der Kontakt zu manchen meiner bayerischen Klassenkollegen nicht abgebrochen. Das freut mich sehr und ich hoffe, wir sehen uns auch bald wieder.